Was im Stillen liegt.
Cranio-Sacral-Therapie als sanfte Form ärztlicher Handlung. Ein Essay über den Bogenschluss der Schulmedizin zur Tradition der Berührung.
Mein Medizinstudium habe ich ohne elterliche Hilfe finanziert; das hieß arbeiten. Nach dem Physikum kamen mehrere Tutorien an der FU hinzu, eines davon als Lehrauftrag am Institut für Hygiene. An der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin administrierte ich den Rechnerraum. Aus dieser Stelle entstand auch ein Promotionsvorhaben — eine echte Forschungsarbeit mit hohem apparativen Aufwand an 41 Patienten. Acht der zehn Bearbeiter haben sie später aufgegeben; ich war einer der beiden, die zu Ende kamen. Daneben gründete ich Korell-IT, eine eigene Firma für datengestützte Wechselzeitanalysen im OP-Bereich. Über einen ihrer Kunden lernte ich Michael Engelhorn kennen; seine EMi baute in Frankfurt am Herzzentrum das erste vollständig papierlose Krankenhaus Deutschlands — selbst Post-it-Zettel an der Rezeption waren verboten. Ab Ende 1992 arbeitete ich auch dort.
Nach Examen und Approbation 1993 wollte ich Arzt werden, im alten Sinn, in dem Beruf von Berufung kommt. Anamnese, Diagnose, Untersuchung — das konnte ich, und ich war und bin gut darin. Aber dann kam der AiP, eine offiziell zur „Ausbildung" deklarierte Schichtarbeit für 1.800 DM, und drei Kinder warteten zu Hause. Und in einer Klinik beginnt jeder unten — auch wer Verantwortung schon mitbringt. Ich hatte sie aus Jahren eigener Lehre, Klinik-Arbeit und freiberuflicher Beratung längst getragen; die Hierarchie hätte sie mir erst Jahre später wieder zugestanden. Die EMi bot mir ein Vielfaches und ein eigenes Büro fünf Minuten von zu Hause. Drei Sekunden später war entschieden.
Ich habe nicht aufgehört, Arzt zu sein. Ich habe nur die Form geändert, in der ich es bin. Was folgte — Medizininformatik, IT-Vertrieb, strategischer Lösungsvertrieb, später Cranio — hat denselben Kern wie die ärztliche Arbeit: Zuhören, prüfen, verstehen, vermitteln. Zwischen Examen und Cranio-Sacral-Praxis liegen kalendarisch Jahrzehnte, inhaltlich Millimeter.
Damit ist Cranio-Sacral für mich keine Abkehr, sondern eine Rückkehr. Die Ausbildung ist fortlaufend, sie wird nicht beendet — die Tradition kennt ohnehin kein einfaches „Beendet". Was ich tue, geschieht in kleinem Kreis: Menschen, die mich kennen, die wissen, dass ich keinen Praxisbetrieb habe, sondern jemand bin, der zuhört. Die Hände lernen das schneller, als der Kopf erwartet. Sie spüren Spannungen, die kein Stethoskop hörbar machen würde — nicht weil sie etwas Magisches könnten, sondern weil sie geduldig sind. Geduld ist im Cranio das wichtigste Werkzeug.
Eine Sitzung dauert eine Stunde, und in dieser Stunde wird selten gesprochen. Hier gibt es nichts zu verkaufen — keine Pipeline, kein Up-Selling, kein Deal-Review. Es gibt nur die Anwesenheit zweier Menschen, von denen einer liegt und der andere die Hände leicht auflegt. Ich lege beide Hände an den Schädel und warte. Ich lege sie an das Kreuzbein und warte. Was sich dabei tut, ist in keine PowerPoint-Folie zu fassen — und das genau ist der Punkt.
Eine Verbindung zu meiner Dissertation ist nicht offensichtlich, aber vorhanden: Meine Arbeit handelt vom Sauerstofftransport bei Patienten im septischen Schock — ein extremes Beispiel dafür, wie der Körper unter Belastung Ressourcen umverteilt. Das Cranio-Sacrale arbeitet am entgegengesetzten Ende derselben Skala: Was tut der Körper, wenn er nicht im Notfall ist, wenn er nicht reagieren muss, wenn er Raum bekommt? Es sind zwei verschiedene Sprachen desselben Systems, und beide Sprachen handeln vom Menschen.
Schulmedizin und sanfte Berührung sind keine Gegensätze. Sie sind zwei komplementäre Formen ärztlicher Aufmerksamkeit, die mit unterschiedlichen Mitteln dasselbe versuchen: Dem Körper zuhören. Was im Stillen liegt, ist nicht weniger Information als das, was sich messen lässt — es ist nur eine andere Sprache. Wer beide Sprachen kennt, hört in beiden Welten genauer. Wer beide sprechen darf, kann zwischen ihnen vermitteln — leise.